Mehr Miteinander im Quartier

Auf dem Bläsiring Im Superblock Matthäus. (Foto: Matthias Brüllmann)

Seit September sind die Superblocks im St. Johann und Matthäus in Betrieb. mozaik fragte bei den Initianten nach den ersten Erfahrungen und Einschätzungen.

Die Fragen beantworteten Freddy Siegenthaler (Matthäus) und Björn Slawik (im St. Johann). Beide sind Mitglieder im Verein Grünesuperblocks Basel. Das Interview wurde schriftlich geführt.

mozaik Wie sind eure ersten Erfahrungen mit den Superblocks – positiv wie negativ?

Insgesamt positiv! Besonders die Bewohnerinnen und Bewohner haben die neuen Freiräume im St. Johann und Matthäus schnell angenommen. Es ist schön zu sehen, wie sich das Quartier verändert hat: Es gibt mehr Begegnungen, spontane Apéros, Bau- und Pflanzaktionen und kleine Feste. Die Menschen lernen sich mehr kennen. Kinder und Jugendlich spielen öfter draussen. Viele sagen, sie fühlten sich wohler. Der Matthäus- Superblock ist eher wie ein kleines Dorf mit Kirche, Schule, Markt und Spielplatz im Mittelpunkt und recht weitläufig. Der St. Johann Superblock ist kleinräumiger und übersichtlicher. Hier sind die Kontakte zwischen den Menschen einfacher herzustellen.

Natürlich gibt es auch Herausforderungen – insbesondere bei der Verkehrsführung. Wie von Anfang an befürchtet und der Stadt vorausgesagt, hat sich gezeigt, dass der Durchgangsverkehr nicht unterbunden werden konnte. Einige nutzen die Superblocks als Schleichrouten, was in einigen Strassen nach wie vor für Lärm und Unsicherheit sorgt. Hier bräuchte es wirksame Massnahmen der Stadtverwaltung wie eine andere Verkehrsführung oder zumindest regelmässige Ahndungen von Regelverletzungen von Automobilisten.

Gab es Überraschungen?

Ja, mehrere! Überraschend war, wie schnell die Nachbarschaft das Projekt angenommen hat. Die Offenheit und Freude waren enorm. Wir hatten erwartet, dass es mehr Skepsis gibt, aber das Gegenteil war der Fall: Viele wollten sofort etwas beitragen – sei es durch das Pflanzen von Büschen und Blumen, das Aufstellen von Sitzgelegenheiten oder das Organisieren gemeinsamer Aktivitäten. Überraschend war auch die Reaktion der Autofahrenden: Viele zeigen Verständnis und sehen die Vorteile. Aber natürlich gibt es auch Unmut, weil gewohnte Wege anders werden oder Parkplätze entfallen sind.

Sind Auswirkungen auf andere Quartiere feststellbar? Hat sich der Suchverkehr oder die Parkplatzsuche verlagert?

Bisher ist von uns keine spürbare Verlagerung des Suchverkehrs oder der Parkplatzsuche in benachbarte Strassen festzustellen. Diese Entwicklungen sollten von der Stadtverwaltung genau beobachtet und gemessen werden – das gehört zu ihrer Aufgabe im Rahmen der begleitenden Evaluation, so unsere Meinung. Aus anderen Städten wie Barcelona wissen wir, dass ein Phänomen auftritt, das Fachleute als «verkehrsinduzierte Verdampfung» bezeichnen. Dabei lösen sich gewisse Fahrten schlicht auf: Wenn bestimmte Strecken nicht mehr attraktiv oder direkt befahrbar sind, entscheiden sich viele Menschen, Wege zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem ÖV zurückzulegen. Gleichzeitig zeigt sich ein Trend, dass sich immer mehr Bewohner:innen vom eigenen Auto auch in Basel trennen oder ihr Fahrzeug unterirdisch parkieren. Das verändert langfristig das Mobilitätsverhalten – und genau das ist ja Teil des übergeordneten Ziels, die Stadt auf die Lebensqualität von Menschen und nicht auf den Verkehrsfluss von Autos auszurichten.

Habt ihr schon Reaktionen von Anwohner:innen, Automobilist:innen oder aus der Politik erhalten?

Von den Anwohnenden überwiegend positive! Viele bedanken sich sogar persönlich und erzählen, wie sehr sie die Ruhe und das neue Miteinander schätzen. Von den Automobilist:innen kommen gemischte Rückmeldungen – Verständnis und Kritik halten sich die Waage. Aus der Politik gibt es grundsätzlich Unterstützung, aber die Mühlen mahlen langsam. Anpassungen an der Verkehrsführung oder an der Beschilderung brauchen Zeit, was schon zum Teil unverständlich und frustrierend ist.

Wie ist die Unterstützung seitens der Behörden insgesamt?

Die Behörden stehen klar hinter dem Pilot-Projekt, aber die Umsetzung verläuft zögerlich. Beispielsweise hat es Wochen gedauert bis erste Verkehrskontrollen der Polizei durchgeführt wurden. Diese sind bisher auch nur sehr sporadisch und damit die Wirkung minimal, was z. B. die Falschparker motiviert, die Regeln zu missachten. Man merkt, dass viele Abläufe neu gedacht werden müssen – gerade bei Verkehr, Planung und Kommunikation. Wir wünschen uns insgesamt mehr Tempo und auch Mittel für die Bespielung während der Testphase. Trotzdem sind wir froh über die grundsätzliche Unterstützung und den Dialog, der besteht.

Was passiert im Winterhalbjahr? Das Leben spielt sich dann ja weniger auf der Strasse ab.

Das stimmt, aber die Bewohner:innen sind sehr kreativ. Beispielsweise fand schon das erste Halloween-Fest statt. Es gibt bereits Ideen für kleine, wettergeschützte Treffpunkte – etwa in überdachten Pergolas im Superblock im St. Johann. Wir planen zudem ein Adventsfest und regelmässige Ideen-Cafés haben sich bereits etabliert. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft bleibt. Wir hoffen, dass der Schwung des Sommers dabei hilft, die neuen Kontakte zu pflegen.

Nach welchen Kriterien wird beurteilt, ob die Tests erfolgreich sind? Gibt es ein Konzept zur Qualitätsmessung, und sind die Ziele bekannt?

Die konkreten Kriterien der städtischen Evaluation sind uns bisher nicht bekannt. Es wäre wünschenswert, dass diese transparent kommuniziert werden. Aus unserer Sicht zeigen sich aber bereits heute klare Vorteile: weniger Lärm, spürbar bessere Luft, mehr Begrünung, weil freie Flächen nun für Pflanzen und gemeinschaftliche Nutzungen zur Verfügung stehen – und, ganz entscheidend, eine deutliche Steigerung des Miteinanders im Quartier. Der Strassenraum wird nicht mehr ausschliesslich als Verkehrsfläche wahrgenommen, sondern wieder als Lebensraum, in dem Begegnung, Gespräche und gemeinsames Tun möglich sind. Diese Veränderungen sind für uns ein starkes Zeichen dafür, dass der eingeschlagene Weg richtig ist. Es entsteht wieder eine Stadt, die den Mensch und nicht das Auto in den Mittelpunkt stellt.

Interview: Matthias Brüllmann

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