
Sie ist Pianistin, Sängerin, Dichterin, Lehrerin, Philosophin. Als Konzertpianistin bereiste sie die Welt. Doch seit 27 Jahren belebt sie als «Madame bleu» ihren «Salon bleu» an der Haltingerstrasse 40.
Die Rede ist von Claudia Sutter. mozaik-Autor Benno Gassmann besuchte sie.
mozaik Frau Sutter, welche Herausforderungen erleben Sie als Künstlerin?
Claudia Sutter Ich unterscheide zwischen Stress, der von aussen kommt und jenem von meinem Innern. Zum ersten gehören Termine, gehören Menschen die nerven, Sachen, die man noch nicht erledigt hat, wo man vielleicht das Gefühl hat, man schaffe es nicht. Vom Geld reden wir lieber nicht! Es gibt nicht viele Künstler die zu Lebzeiten reich werden, bzw. gut über die Runden kommen. Früher, mit den Konzertreisen, war das etwas besser, aber dieses Leben war nur Stress. Wahnsinnig. Die weiten Reisen, die Flüge, Höhenunterschiede. Da bist Du in einer «tollen» Stadt, aber selber siehst Du nur den Bahnhof, das Konzertpodium und das Hotelzimmer. Eine sehr einsame Sache. Hier im Salon bleu bleiben der Termindruck, das Heranrücken der Konzertaufführung, Auseinandersetzungen mit Mitspielenden, die Einrichtung, ob sie passt, die Garderobe, für Frauen sehr bedeutsam! Wenn ich auswärts spielen gehe, kann das Hinfahren mit dem ÖV nerven, der Konzertveranstalter, alles was mich ablenkt.
Bleiben wir doch gleich noch beim Salon bleu: Was bedeutet für Sie der Begriff «Salon»?
Salon ist für mich wie das Gegenteil von Stress, eine Insel, auf die man geht und alles andere erstmal draussen lässt. Die Ausstaffierung meines Raumes, mit Beleuchtung, den vielen Bildern und sonstigen Kunstgegenständen, bewirkt ein Ausatmen. Dann aber taucht man ein. Darauf deutet auch der Begriff «blau»: Man kennt die «blaue Blume» der Romantik. Blau meint die Sehnsucht nach Schönheit, nach Erlösung von irdischen Schmerzen. Meint vor allem auch die Poesie.
Nun zum Stress, den Sie sich als Künstlerin selber machen.
Das sind die Ansprüche an mich selbst. Ich sage: Je besser eine Künstlerin ist, desto höhere Ansprüche hat sie an sich selber. Unter diesem Druck arbeitet sie. Das sind die Musiker, die immer das Gefühl haben, es ist noch nicht gut genug. Pianisten, die sich deswegen fast töten. Franz Kafka hat dieses Thema bearbeitet in seiner Novelle «Der Hungerkünstler». Kafka wollte zeigen, wie der Künstler sich selber kasteit und quält, weil er immer noch perfekter sein will. Das ist der Künstlerstress. So ergeht es auch mir. Ich helfe mir ein wenig mit Yoga.
Und dann kommt der Auftritt, zum Beispiel das Konzert.
Da gibt es viel feinster Stress. Du beginnst das Konzert. Du merkst, der erste Akkord klingt nicht so, wie ich ihn haben wollte. Da ist es für mich wahnsinnig schwer, weiterzufahren! Zurück an den Anfang geht aber nicht! Warum? Weil es für mich essentiell wichtig ist: Ich empfange den Ton wie von innen. Ich bin im Empfang-Modus. Und wenn der Ton mit meinen Händen nicht so kommt, wie er soll, was tun? Ich falle ins Denken, rette mich weiter, hinaus aus dem musikalischen Fluss, dem Empfangmodus. Das Denken brauche ich beim Üben, aber beim Spielen bin ich ganz da, und Es macht die Musik. Das Es macht, dass Musik stattfindet. Es gibt Momente, wo ich nicht mehr weiss, wer spielt! Dann bin ich nur noch am Zuhören, ich bin im Sein. Das ist Leben! Das ist auch gefährlich, weil ich drausfallen kann. Das ist Stresss: Da geht es ums «Überleben». Da brauche ich das Denken, das mich retten muss. Bis ich wieder in den Musik-Fluss komme.
Können Sie sich auch auf solche Krisensituationen vorbereiten?
Mein Klavierbauer, der im Casino die Klaviere stimmte, sagte mal: »Claudia kann aus jedem Instrument die Schönheit herausholen». Das weiss ich! Das ist so, weil ich jedes Fingergelenk, eigentlich alle meine Gelenke, spüre. Weil im Spüren sich dann alle Gelenke öffnen. Alle! Ich habe zu tun beim Üben! Wenn ich mich selber so spüre, dann mittet sich mein ganzer Körper ein und öffnet sich. Dann ist auch der Klang offen, dann entsteht Schönheit. Die Mechanik der Tastatur antwortet haarscharf darauf, wie ich wann bin. Das zu erreichen, ist eine unglaubliche Arbeit. Ist natürlich auch mein Anspruch. Er siedelt sich ganz nah am Stress an – dann nämlich, wenn ich denke, um mich zu retten.
Interview: Benno Gassmann
Claudia Sutter
Le salon bleu
Haltingerstrasse 40
4057 Basel
061 691 39 33