
Jede Verbesserung der Arbeitsbedingungen mussten Fabrikarbeiter:innen in der Vergangenheit hart erkämpfen. Immer ging es um Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit.
Die Seidenbandindustrie war in Basel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der wichtigste Industriezweig. Der Frauenanteil war in der Textilbranche sehr hoch. Das war ein Grund, dass hier sehr niedrige Löhne bezahlt wurden. Täglich wurden elf Stunden, samstags zehn Stunden gearbeitet. Diese Arbeitszeiten waren mit dem eidgenössischen Fabrikgesetz von 1877 eingeführt worden.
Der Streik
Im Winter 1894/1895 schlossen sich die Posamenter:innen der Bandfabriken zu einer «Lohnbewegung» zusammen. Nach vergeblichen Bemühungen des gewerkschaftlichen Posamentervereins mit der Arbeitgeberseite, dem Bandfabrikantenverein, auf gütlichem Wege eine Vereinbarung zu erzielen, wurde am 18. Juni 1895 an drei gleichzeitig stattfindenden Versammlungen im Johannitergarten an der Elsässerstrasse, im Restaurant Belvédère beim Erasmusplatz und in der Rheinhalle mit grosser Mehrheit der Streik beschlossen.
Die Posamenter:innen forderten einen garantierten Durchnittslohn von vier Franken pro Tag für Männer und Frauen und den zehnstündigen Arbeitstag. Sie wählten eine Lohnkommission, die mit den Unternehmen verhandeln sollte. Da die Verhandlungen erfolglos waren, lud die Kommission der Arbeiterschaft den eidgenössischen Fabrikinspektor Georg Heinrich Rauschenbach aus Schaffhausen und den Arbeitersekretär Hermann Greulich aus Zürich zur Vermittlung zwischen den beiden Parteien ein. Die Fabrikanten lehnten diese Vermittlung jedoch ab, was in der Öffentlichkeit stark kritisiert wurde und die Sympathien für die Streikenden erhöhte. Hierauf wurde der Basler Regierungspräsident Isaak Iselin um Vermittlung angefragt.
Jeden Tag schlossen sich mehr Arbeitende den Streikenden an, und täglich fanden Versammlungen statt. An der grössten Versammlung im Johannitergarten vom Sonntag, 23. Juni, nahmen 2ʼ500 Personen teil. Die Streikleitung mahnte zum festen Zusammenhalt.
In einem Referat widerlegte der Redaktor des «Vorwärts» Eugen Wullschleger die Behauptung, die SP hätte den Streik inszeniert. Vielmehr sei der Streik das Resultat der Hinhaltetaktik der Fabrikherren und ihrer nicht eingelösten Versprechen. Ihre Drohung, die Arbeit auf das Land zu verlegen, müsse man nicht fürchten, weil sie kaum durchführbar sei. Die Stimmung unter den Streikenden war gut.
Zur Unterstützung der Streikenden, die ohne Lohn dastanden, erschien im «Vorwärts» ein Aufruf zur Solidarität und zu Spenden.
Der Streik wurde auch im Grossen Rat thematisiert. Ein SP-Grossrat reichte eine Interpellation wegen des Polizeieinsatzes vom Montag, 24. Juni, ein, als rund zwei Dutzend Polizisten in der Umgebung der Fabrik Vischer an der Sperrstrasse Stellung bezogen und alle Passanten teilweise höflich, teilweise barsch aufforderten weiterzugehen, obwohl der Verkehr nicht gestört wurde. Vor Wullschlegers Wohnhaus an der Feldbergstrasse stand sogar eine polizeiliche «Ehrenwache».
Streikende und Folgen
Schliesslich erklärten sich die Unternehmer nach Iselins Vermittlung bereit, einen Durchschnittslohn von vier Franken pro Tag zu zahlen, behielten sich aber Kürzungen nach eigenem Ermessen vor. Den Zehnstundentag lehnten sie weiterhin vehement ab. Nach aussen traten die Fabrikanten als geschlossene Gruppe auf. Ihre Einstimmigkeit hatten sie aber erst nach harten Auseinandersetzungen untereinander erzielt. Einzelne Fabrikanten wären zu grösseren Zugeständnissen bereit gewesen, fügten sich aber der Mehrheit.
Rund 900 Leute, davon ein Drittel Frauen, beteiligten sich am Streik. Als kein weiteres Entgegenkommen der Fabrikanten zu erwarten war, fand am Donnerstag, 27. Juni, in der Burgvogtei eine weitere Versammlung der Posamenter:innen statt. Der Regierungsrat Iselin berichtete, dass es das «aufrichtiges Bestreben» der Bandfabrikanten sei, den Arbeitern im Durchschnitt vier Franken pro Arbeitstag zu zahlen. Sie «gaben mir die bestimmte Zusicherung, diesen ihren Versprechungen in Zukunft gewissenhaft nachzukommen». Wegen der Konkurrenz lehnten sie aber eine Arbeitszeitverkürzung weiterhin kompromisslos ab.
Obwohl die Posamenter:innen nicht viel erreicht hatten, stimmten sie mit überwiegendem Mehr für die Wiederaufnahme der Arbeit. Der Streik hatte neun Tage gedauert. Die Fabrikanten hielten ihr Versprechen einer Lohnerhöhung nur zögerlich, so dass schon bald wieder Proteste laut wurden. Die meisten Klagen wegen Nichteinhaltung des Lohnsatzes kamen aus der Fabrik Vischer «zum Blauen Haus» an der Sperrstrasse. Zudem gab es willkürliche Entlassungen der «Rädelsführer».
Sabine Braunschweig