
Keine Autos, dafür Pferdefuhrwerke für Milchmann und Post und Flabkanonen auf der Voltamatte. mozaik-Autorin Edith Schweizer erinnert sich.
Das kleine, weisse Schildchen aus Bakelit mit Umhängeband, einem Signet des Roten Kreuzes mit meinem Namen Edith Völker und der Adresse «Elsässerstrasse 93» ist mir erhalten geblieben. Man legte es uns Kindern um den Hals zur Identifikation während des 2. Weltkriegs 1939 bis 1945. Basel wäre nämlich bei einem Angriff aufgegeben, die Bevölkerung evakuiert und die Rheinbrücken gesprengt worden. So weit kam es zum Glück nicht. Aber nach der Dämmerung mussten aus Neutralitätsgründen alle Fenster und Türen mit schwarzen Tüchern abgedunkelt werden, um zu verhindern, dass man unsere deutschen und französischen Nachbarorte aufgrund der Basler Lichter aus der Luft hätte eruieren können.
Die Sirenen machen Angst

Immer wieder dröhnten unheimlich die Sirenen, wenn es Luftangriffe in der Nachbarschaft gab. Auf der Voltamatte – unserem Spielplatz – waren Schützengräben ausgehoben worden und Soldaten mit Flugabwehrkanonen stationiert. Unsere Väter waren alle im Militärdienst zur Landesverteidigung eingezogen. An der Saint-Louis-Grenze verhinderte die Grenzwacht und ein durchgezogener Stacheldraht den Zugang zum Elsass. Schmerzlich für mich, denn zu meinen Grosseltern mütterlicherseits in Mulhouse gab es keinen Zugang, und Telefone besass man nicht in den Privathaushalten.
Meine Mutter arbeitete zuhause für das Basler Couture-Atelier Hoffmann an der Freien Strasse. So fielen für mich immer wieder Resten der kostbaren Seidenstoffe ab zum Spielen und Basteln: Pongé, Crêpe de Chine, Tafetas changeant, Voile, Batist oder Wollmousseline, die für die Garderoben der Damen aus dem «Teig», der vornehmen Gesellschaft Basels, bestimmt waren.
Die Nahrungsmittel waren rationiert, für den Bezug wurden Lebensmittelmarken abgegeben, knapp berechnet. Man beneidete all jene, die einen Schrebergarten oder auch bloss einen Apfelbaum besassen. Bei einer mobilen Suppenküche des Roten Kreuzes am Lysbüchel konnte man seine Blechgamelle füllen lassen – ich fand den Duft, der von dort her wehte, himmlisch. Zucker war rar, Schokolade gab es kaum, und auch die Eier waren abgezählt. Als mein Vater einmal aus dem Urlaub auf dem Land ein Bauernbrot mitbrachte, war das für uns wie ein Geburtstagskuchen. Für die Bäuerinnen aus dem nahen Elsass und Markgräflerland wurden die Grenzen tageweise geöffnet, damit sie ihre Produkte hier verkaufen konnten.
Kartoffeläcker auf öffentlichen Anlagen
Auf öffentlichen Anlagen und selbst im Kreuzgang des Münsters wurden Kartoffeln angepflanzt (sog. Anbauschlacht). Auf der Voltamatte sollten wir die gelb gestreiften Kartoffelkäfer (Schädlinge) ablesen. Viel lustiger fanden wir es, wenn wir im Frühjahr Maikäfer einfangen und sie auf der Schulbank krabbeln lassen konnten …
Die Voltamatte war unser geliebter Treffpunkt. Rollschuhfahren war das grosse Vergnügen und mit «Lehmi» und «Glasi» wurde bei allen Dolen «gegluggert». Tagelang hüpfte ich mit einem «Guggedrächli» aus Zeitungspapier durch die Strassen, während die grossen Buben auf der Voltamatte echte Drachen steigen liessen. Auf der Elsässerstrasse waren Ballspiele beliebt, denn dem gelegentlich anfahrenden Tram konnte man leicht ausweichen. Milchmann und Paketpost kamen mit Pferdefuhrwerken vorbei, ein Auto besass bloss der Arzt im Quartier, denn auch Benzin war rationiert. Schulkameraden, deren Eltern einen Familiengarten besassen, mussten in der Freizeit oft Pferdeäpfel als Dünger einsammeln gehen.
Unvergesslich bleibt mir die Erinnerung an den Flüchtlingszug von 1944 aus dem von der deutschen Wehrmacht überfallenen Elsass. Die Grenze von Saint-Louis war kurz geöffnet worden. Ein langer, stummer Zug bewegte sich in der Dunkelheit an unserem Haus vorbei, mit Kleinkindern auf den Armen und in Wolldecken eingehüllten alten Menschen auf Handkarren. Die aktuellen Kriegsszenen in der Ukraine und im Nahen Osten haben mir diesen Anlass wieder schmerzhaft in Erinnerung gerufen.
Edith Schweizer-Völker