Wir haben das Strassen-Spielen verlernt

Freddy Siegenthaler im Spiel mit Kindern beim «Asphalt-Polo» in der Matthäusstrasse. (Bild: Stefan Ryser)
Freddy Siegenthaler im Spiel mit Kindern beim «Asphalt-Polo» in der Matthäusstrasse. (Bild: Stefan Ryser)

Er ist ein Allrounder für das freie Spielen. Früher hat Freddy Siegenthaler den Tennisnachwuchs trainiert. Heute ist er Spielexperte für jedes Alter, vor allem aber für die Jüngsten.

Wo ein Ball rollt, kann ein Freddy Siegenthaler nicht weit sein. Bewegung ist sein Element, in allen Variationen, und möglichst verbunden mit Spiel. Schon sehr früh wusste er, dass er Sportlehrer werden wollte, und selber hat er leidenschaftlich Tennis gespielt. «Als professioneller Tennis- und Konditionstrainer hatte ich jedoch verlernt, frei zu spielen», meint er bei unserer Begegnung im Matthäusquartier. Deshalb wollte er nach seiner (Teil-)Pensionierung selber wieder frei spielen lernen, spielen ohne Ziel und Zweck.

2012 entdeckt er zufällig Taiji Bailong Ball. «Und sofort war mir bewusst, dass dies meine bevorzugte Sportart wird», strahlt er. Beim Taiji Bailong Ball sind die Bewegungen harmonisch, rund und weich – und belasten darum die Gelenke nicht. Man kann es alleine spielen oder übers Netz mit mehreren Partner:innen. Taiji Bailong Ball verbindet den Spielgedanken von Ball- und Rückschlagsportarten mit dem Geist und der gesundheitlichen Wirkung der traditionellen Bewegungskünste. Bei der Eröffnung des Superblock Matthäus im letzten September hat Freddy Jung und Alt freudvoll in diese tänzerische Ballbewegungskunst eingeführt.

«Wir haben verlernt, auf der Strasse zu spielen», betont der Spielexperte. Das Quartier rund um die Matthäus-Kirche sei prädestiniert zum Spielen. Zudem sind die Strassenzüge im Superblock mit fünf grossen Spielkisten ausgestattet, in denen sich verschiedenste Spielgeräte wie Federball, Racket, Fussbälle, Springseile oder Gummi-Twists befinden. «Durch die Verkehrsberuhigung im Superblock sollte man eigentlich auch wieder auf der Strasse spielen können, aber wegen der verbotenerweise trotzdem durchfahrenden Autos ist leider weiterhin Vorsicht geboten», warnt er.

Obwohl der engagierte Kleinbasler selber zwei Strassenzüge ausserhalb des Matthäus-Perimeters wohnt, ist er ein sehr aktiver Unterstützer der Superblock-Idee. Er ist auch Mitglied der Klimagruppe 4057 Basel und meint: «Der Superblock ist für mich eine Möglichkeit, unser Quartier für die Menschen wohnlicher zu machen: ruhiger, mit mehr sozialen Kontakten und schliesslich auch grüner.» In naher Zukunft, sagt er, sollte es in der ganzen Stadt möglichst viele Superblocks geben, damit ganz Basel zu einer klimafreundlicheren und wohnlicheren Stadt werde.

Parallel dazu ist es für Freddy Siegenthaler ein wichtiges Anliegen, dass auch die weiteren Begegnungszonen in der Stadt belebt werden. Deshalb organisiert er seit über drei Jahren in der Begegnungszone der oberen Haltingerstrasse regelmässig Spiel- und Strassenfeste, im Sommer, im Advent und an Ostern, für Gross und Klein, mit Grillieren, Raclette-Plausch, Punsch und Glühwein. Aktuell laufen diese gemeinschaftsbildenden Anlässe unter dem fröhlichen Motto: «Den Superblock erweitern!»

Wie geht Freddy Siegenthaler vor, wenn er niederschwellig, schnell und spontan Gross und Klein auf Strassen und Plätzen im öffentlichen Raum ins gemeinsame Spiel bringen will? Wenn man ihm zuhört – und auch wenn man ihn selber live in Aktion sieht – , wirkt das ganz leicht und selbstverständlich: «Je nach Anlass und Zielpublikum wähle ich vorher ein paar Spiele aus, belade meinen Veloanhänger und lege vor Ort das Material aus. Kurz: Ich schaffe Spielgelegenheiten, ich beobachte die Kinder, und ich biete mich als Spielpartner an.» 

Das ist mit seinem breiten Spiele-Fächer seine ganze Spielphilosophie: Freddy Siegenthaler macht nicht den grossen Zampano, er bietet an, auch sich selber. Man muss das live erlebt haben. Dieses wache, beobachtende Auge, dieser schnelle, ganz selbstverständliche Draht zu den Kindern, er ist mittendrin, aber nicht das Zentrum. Bei den Kleinsten kann der rosarote Hüpfhase als Türöffner wirken. Bei unentschlossenen oder scheuen Kindern hilft oft ein Riesen-Mikado. Und sofort dabei sind alle beim Asphalt-Polo. Wohl selten sind ein breites zivilgesellschaftliches Engagement und so viel zugewandte Spielfreude eine so glückliche Verbindung eingegangen. 

In den letzten zwanzig Jahren hat sich Freddy Siegenthaler vor allem auf das Spielen von unter Sechsjährigen spezialisiert. Dazu hat er auch ein interaktives Kinderbilderbuch herausgegeben: «Selbst ist die Maus!». Sein grosses Ziel bleibt es, Kinder wieder vermehrt zum freien Spielen zu bringen.

Man kann ihm und den vielen Kindern im Quartier nur viel Erfolg wünschen – und viel Freude!

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