Die Dorfkirche in Kleinhüningen ist die einzige Barockkirche in Basel. Und Spielort für das renommierte Barockorchester La Cetra.

La Cetra entstand aus der Schola Cantorum Basilisiensis. Basel entwickelte sich zum europäischen hotspot für Alte Musik. Die erlebte in den 1960er Jahren eine Renaissance. Barockmusik entstand von 1600 bis1750 in Europa und ist bekannt für ihre prachtvolle und emotionale Klangwelt. Die Musiker wollten, dass wir Musik von Bach, Monteverdi etc. jetzt so hören, wie sie die Komponisten gehört haben. Dazu mussten alte Instrumente rekonstruiert werden, originale Spieltechniken erforscht werden und kleinere Besetzungen mussten verwendet werden. Das Ergebnis war Popularität beim Publikum, es wurden eigene Festivals Alter Musik gegründet, Vivaldi und Bach wurden «Trend». Heute hat sich diese Musik fest etabliert. So wie das Barockorchester La Cetra, das nach langem Suchen nun im Hafenareal eine Heimat gefunden hat.
Über diese «Odyssee» hat mozaik-Autor Hans Stelzer mit Jennifer Islinger (künstlerische Planung und Geschäftsführung) gesprochen.
mozaik: Von der Stadt aufs Land, ins Dorf, was hat La Cetra ins Hafenareal geführt? Wie kam das mit dem «tonRaum» zustande? Fürsprecherin? Fügung?

La Cetra hat 2024 das 25-jährige Jubiläum gefeiert, und genauso lang hatte La Cetra kein richtiges «Zuhause». Für die Proben sind wir in ganz Basel herumgezogen, vom Spittlerhaus über den Wettsteinsaal oder das Union im Kleinbasel bis nach Riehen – jedes Mal verbunden mit Instrumententransporten etc.
Zur gleichen Zeit hatten sich drei Basler Musikerinnen zusammengefunden und hatten die Idee, Teile des alten Amts für Energie und Umwelt (u. a. die Einstellhallen!) in ein Probenzentrum umzuwandeln. Gemeinsam mit Immobilien Basel-Stadt und vielen Unterstützern (Stiftungen und Mäzenen) konnte diese Vision verwirklicht werden. (mozaik berichtete darüber in der Ausgabe 4/ 2025.) Nun haben wir dort unsere Büroräume, unser Notenarchiv und können dort mit dem Orchester proben – und sind sehr froh, endlich ein Zuhause zu haben, an dem sich alle wohlfühlen. Man kann das schon als glückliche Fügung bezeichnen!

Wie entdeckte Maestro Marcon die Barockkirche?
Bei einem ersten Baustellenbesuch standen wir oben auf der Dachterrasse und haben die Aussicht über Rhein, Hafen bis nach Frankreich und in den Schwarzwald bewundert, als Andrea Marcon plötzlich über die Brüstung gelehnt den Zwiebelturm der Dorfkirche erspähte. Daraufhin machten wir uns gemeinsam auf den Weg dorthin und entdeckten dieses Juwel. Andrea hatte sofort die Vision, dort eine kleine Kammermusikreihe zu etablieren – das Barockorchester von Basel mit Barockmusik in der einzigen Basler Barockkirche!
Wie wurde die Idee, Barockkonzerte in der Barockkirche aufzuführen, umgesetzt?
Wir wollten ein möglichst «buntes» Programm mit verschiedenen Instrumenten, Epochen und auch mit den Sänger:innen unseres Vokalensembles bieten und haben unsere wichtigsten Musiker:innen eingeladen, Vorschläge für dieses Format einzureichen. Wir haben so viele Ideen erhalten, dass wir mehrere Jahre füllen können!
Was führte dazu, dass ein ganzes Jahresprogramm zustande kam?
Bei der Planung hatten wir erst Bedenken, ob unser Publikum nach Kleinhüningen zu Konzerten kommen würde. Vielen ist die Kirche – diese kleine Oase im alten Teil Kleinhüningens – ganz unbekannt. Deswegen wollten wir das nicht mit einem einmaligen Konzert, sondern mit vier verschiedenen Konzerten austesten, ob sich das langsam herumspricht. Ausserdem gibt es nach den Konzerten einen kleinen gemeinsamen Apéro, wo man sich stärken und mit den Musiker:innen ins Gespräch kommen kann. Bislang ist das sehr gut aufgegangen, beim zweiten Konzert war die Dorfkirche ausverkauft – und unsere Zuhörer:innen sind immer ganz überrascht und erfreut, dass sie auch in ihrer Heimatstadt noch neue Orte entdecken können!
Wäre ein Konzert in kleiner Besetzung im Hafenmuseum Utopie? (Händels Wassermusik?)
Das wäre sicherlich eine Überlegung wert – wobei Andrea gerne einmal ein Konzert auf dem Rhein veranstalten würde!
Fühlen sich die Musiker schon ein bisschen zu Hause? Chillen auf dem Kronenplatz oder an der Wiese?
Ja, das ist so. Alle haben endlich das Gefühl, dass La Cetra einen festen Ort hat, mit dem sich alle verbunden fühlen. Da wir im Herbst gezügelt sind, kommt das freundliche Wetter hoffentlich noch, dann wird der Kronenplatz sicher für Picknicks benutzt.
Könntest du kurz den Unterschied zwischen Barockinstrumenten und modernen Instrumenten beschreiben?
Als ideale Klangqualität galt im Barock die der trainierten menschlichen Stimme. Alle Instrumentalisten strebten danach, sich mit den besten Kastraten oder Sopranisten zu messen, die damals die absoluten Stars der Musikszene waren, insbesondere seit der Erfindung der Oper um 1600 und ihrer erstaunlich schnellen Popularität in ganz Europa. Die Geige war dafür besonders gut geeignet.
Der Hauptunterschied ist, dass die barocken Instrumente mit Darmsaiten bespannt sind. Diese Darmsaiten erzeugen einen warmen, vollen Klang, jedoch bei geringerer Spannung. Moderne Violinen verwenden in der Regel Saiten mit Stahl- oder Kunststoffkern, die eine höhere Spannung aushalten und einen helleren, lauteren Klang erzeugen. Die höhere Spannung moderner Saiten ist ein Grund dafür, dass moderne Violinen strukturelle Veränderungen wie einen stärkeren Bassbalken und einen steileren Halswinkel erfordern. Frühe Violinen hatten auch Stimmwirbel, Saitenhalter und Griffbretter, die oft aus leichterem Holz oder gebeiztem Oberholz gefertigt waren. Bei modernen Violinen wird für diese Beschläge (Wirbel, Griffbrett) aus Gründen der Haltbarkeit bevorzugt Ebenholz verwenden, was jedoch auch das Gewicht des Halses erhöht.
Welche Instrumente gibt es im modernen Orchester nicht mehr?
Mit dem Ende der Barockzeit und dem Wandel des Orchesters verschwanden Instrumente wie die Gambeninstrumente. Ausserdem die Generalbassinstrumente (Cembalo als Tasteninstrument) und Zupfinstrumente wie Laute und Theorbe.
Auch die Blockflöte wich zugunsten der Traversflöte, die dann von der modernen Querflöte (Böhmflöte) aus Metall verdrängt wurde.
Auch der Zink, ein Blechblasinstrument, wurde nicht mehr benutzt.
Wie ist es, Barockkompositionen mit modernen Instrumenten aufzuführen?
Die modernen Instrumentalisten sind nicht spezialisiert auf die historische Aufführungspraxis, die barocke Gestik und Phrasierung ist also oft nicht «intuitiv» oder natürlich für sie. Barocke Verzierungen oder Improvisationen werden von den Musikern nicht spontan ausgeführt, wie bei den Barockspezialisten, sondern nur reproduziert. Der Klang des modernen Orchesters ist viel brillanter und lauter, auch die Stimmtonhöhe (442 Hertz) ist anders als in der Barockmusik.
Mit den modernen Instrumenten lassen sich viele von den Komponisten gewünschte Klänge oder Effekte oft gar nicht erzeugen – und wenn dann eine symphonische Besetzung mit 14 ersten Geigen spielt, alle mit vollem Vibrato, erst recht nicht 😉
Hans Stelzer