
Bezaubert von autofreien Quartierstrassen – verärgert über die halbbatzige Durchführung: Alfred Schlienger wohnt im Superblock Matthäus und schaut fürs mozaik mit gemischten Gefühlen auf die Superblock-Tests zurück.
Es ist kaum zu bestreiten: Aktuell gibt es wenige Themenkomplexe, in denen sich so viele zentrale Fragen des städtischen Zusammenlebens so unmittelbar kreuzen wie bei den «Superblocks». Ob Stadtentwicklung oder Klimaschutz, ob Verkehrsberuhigung, Gesundheitsvorsorge oder Unfallverhütung, ob Vereinsamung der Menschen oder gerechtere Nutzungsverteilung des öffentlichen Raums – immer besteht dabei ein direkter Wirkungszusammenhang zum Konzept der Superblocks.
Es ist genau diese Komplexität des Themas, die viele ungemein fasziniert. Und es ist dieser direkte und spürbare Eingriff in unsere tägliche Lebenspraxis, der auch verunsichern kann.
Die Superblocks sind im Interesse der Mehrheit
Bei allen Fachleuten – und auch bei Laien, die sich ernsthaft mit dem Superblock-Konzept auseinandersetzen – liegen die Vorteile für die Mehrheit der Bevölkerung klar auf der Hand: Die deutliche Reduktion von Verkehr und Parkplätzen, die Schaffung von angenehmen und nahen Aufenthaltsorten für die Anwohnerschaft zur Stärkung sozialer Kontakte, die Verminderung von schädlichen Immissionen, die generelle Steigerung der Lebensqualität, und vordringlich auch das Erreichen der vom Basler Stimmvolk beschlossenen Klimaziele bis 2037, das alles ist zweifellos richtig und wichtig, wenn urbanes Leben eine menschenfreundliche Perspektive haben soll.
Entzauberung von Verkehrsmythen
Verkehr muss fliessen. Das Auto ist schnell. Freie Fahrt für freie Bürger. Die Superblock-Debatte der vergangenen 12 Monate zeigt, wie schwer ein Perspektivenwechsel fällt.
Gleichzeitig erstaunt zweierlei: Erstens, dass im medialen Diskurs fast nur die Parkplatznot der Autofahrenden rauf- und runtergebetet wurde. Und zweitens, dass diese ersten Superblocks der Schweiz als bahnbrechende Innovation bezeichnet wurden. Der Geograf und Biologe Lucas Linder erläuterte es auf jedem seiner Spaziergänge, die er durch die Superblocks organisiert hat: Das neue Verkehrsregime stellt nur den Zustand wieder her, für den unsere Quartierstrassen eigentlich gebaut wurden. Nämlich für den Aufenthalt der Anwohnerschaft. Wer in den 50er Jahren aufgewachsen ist, weiss, dass damals die Kinder alle noch auf der Strasse gespielt haben. Erst die flächendeckende Massenmotorisierung ab den 60er Jahren hat uns das vergessen lassen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Strassen in unseren Wohngebieten links und rechts zugeparkt sind – so unschön und unwirtlich das auch ist.
Die Superblocks sind nichts anderes als ein fortschrittlicher Rückschritt – damit unsere Städte wieder eine Zukunft fürs Wohnen und Leben bekommen.
Die Superblock-Idee funktioniert – aber …
Der Architekturhistoriker Erik Wegerhoff wohnt mit seiner Familie selber im Matthäusquartier. Er lehrt und forscht als Professor am Campus der FHNW. Und betont im neusten Heft der Architekturzeitschrift espazium, das Label «erste Superblocks in der Schweiz klinge zwar innovativ, vergleiche man aber deren Realität mit der Spielstrasse, frage man sich, was hier überhaupt neu sei. Denn 1977 entstand mit der Bärenfelserstrasse, wenige Schritte vom aktuellen Superblock entfernt, die erste Wohnstrasse der Schweiz. Bis heute ist dort nur Anwohnerverkehr zugelassen: Genau das also, was man 50 Jahre später meinte, im Matthäus und St. Johann noch testen zu müssen. Die Superblock-Idee funktioniert, wenn sie richtig aufgegleist wird, und sie ist weltweit erprobt. Die Ausführung in Basel erwies sich aber in vielen Punkten als äusserst mangelhaft.
Die Polizei schaut weg
Ein echter und fairer Test wurde schon dadurch verhindert, dass die Polizei wegschaute und das neue Verkehrsregime nicht durchsetzte. Dadurch förderte sie einen rechtsfreien Raum für Autofahrende. Diese fuhren täglich zu Hunderten illegal – und oft mit weit übersetzter Geschwindigkeit – durch den Superblock und parkierten widerrechtlich. Dies mit Vorliebe auch auf den für das Gewerbe reservierten Parkfeldern, was dort zu verständlichem Ärger führte. Ohne Sanktionen erzeugt Recht keine Wirkung. Eine Mutter brachte es auf den Punkt: «So können meine Kinder den Superblock nicht im gedachten Sinn nutzen. Die Sicherheit ist nicht gewährleistet. Wir werden um einen realen und fairen Test betrogen.» Viele Anwohnende empfanden deshalb den Superblock-Test als eine Mogelpackung.

Auch Architekturprofessor Wegerhoff bezieht sich in seinem Fachartikel auf diese fehlende Durchsetzung des Verkehrsregimes und schreibt: «De facto aber stellen auf der Verkehrsfläche spielende Kinder die wirkungsvollste Intervention dar. Eine solche Delegierung an die verletzlichsten Verkehrsteilnehmenden und Privatisierung der Verantwortung für die Strasse ist an Zynismus kaum zu überbieten.»
Dabei wären wirksame verkehrsberuhigende Massnahmen einfach zu haben: Verkehrskegel, Bodenschwellen, mobile Sperren für den Durchgangsverkehr etc. Die Modelle sind weltweit zu besichtigen. Schon länger bekannt ist laut Wegerhoff, dass das alleinige Aufstellen von Schildern wirkungslos ist. Durchaus neu sind 50 Jahre später hingegen Bedingungen und Dringlichkeiten: Schon im Mai dieses Jahres erreichten die Temperaturen in Basel über 30 Grad, seitdem löst eine Hitzewelle die andere ab.
Der Betrug an der Bevölkerung
Der Begriff des Mogelns – oder sollte man genauer von bewussten Lügen und Betrug sprechen? – passt leider auch, wenn man beobachtet hat, wie die Regierung mitten im laufenden Prozess ab Ende Oktober 2025 die Spielregeln geändert hat. Mehrere Chefbeamte in der Verwaltung und auch Regierungspräsident Cramer höchstpersönlich haben in Gesprächen bestätigt: Sie alle seien bis Ende Oktober davon ausgegangen, dass die Superblocks nach der Testphase – mit permanenter Evaluation und bei positivem Ergebnis – nahtlos weitergeführt werden können. Trotzdem wurde ab Ende Oktober plötzlich in allen Regierungsantworten auf Interpellationen, Anfragen aus der Bevölkerung und von Medien stereotyp nur noch auf die befristete Signalisationsverordnung verwiesen – und verschwiegen, dass man die ursprünglich geplante direkte Verstetigung der Superblocks fallengelassen hat. So oder so ist sonnenklar: Die Grundregel während eines laufenden Tests zu ändern: Das geht nicht.
Ein solch Verstoss gegen Treu und Glauben ist demokratiepolitisch höchst bedenklich und zerstört fahrlässig das Vertrauen in Beteiligungsprozesse. In den partizipativ gedachten Begleitgruppen zu den Superblocks hat dieses Vorgehen jedenfalls zu einem Exodus und zu bleibender Frustration geführt.
Besonders erschwerend fiel ins Gewicht, dass die mehrköpfige Projektleitung keinerlei echte Partizipation zuliess und auf viele Anregungen aus der Bevölkerung nicht einmal reagierte. Sie verpasste es auch – obwohl volle zwei Jahre vor dem Start der Superblocks in Amt und Lohn (!) – Leit- und Zielbilder zu schaffen, die auch visuell erlebbar gemacht hätten, wie ein definitiver Superblock aussehen könnte – und damit die Bevölkerung mitnimmt in diesen Prozess.
Erfreulicherweise sind Architekturstudierende der FHNW mit ihrer Professorin Friederike Kluge sowie private Architektinnen in die Lücke gesprungen und haben fantasievolle Visualisierungen entworfen, die Ende August an vielen Orten im Quartier aufgehängt wurden.
Trotz all dieser Mängel, die Anwohnenden in den Superblocks haben sich mit viel Herzblut die Freude an den neuen Möglichkeiten zur Rückeroberung des öffentlichen Raums nicht nehmen lassen. Es fanden zahllose spontane Treffen, kleinere und grössere Feste und Konzerte sowie Spiel-, Mal- und Textilaktionen mit Kindern statt. Lokale Dichter:innen lasen ihre Texte, über sechzig Kulturschaffende traten in mehr als zwei Dutzend Veranstaltungen im Superblock auf und machten ihn so vielfältig erlebbar.
Auch halbbatzige Dinge können manchmal erstaunlich glücklich machen.