Half Witwe Kunz bei Stressbeschwerden?

Das Elektrische Heil- und Lichtbad-Institut «Hygienia» 1908–1919 an der Hammerstrasse 100. Das Haus wurde 1956 abgerissen. (zVg)

Die Betreiberin des Elektrischen Heil- und Lichtbad-Instituts «Hygienia» an der Hammerstrasse 100 hätte sicher die Elektrotherapie auch gegen stressbedingte Schmerzen angewendet. War sie seriös oder eine Kurpfuscherin? 

Wenn der Begriff «Stress» um 1910 schon bekannt gewesen wäre, dann hätte die Inhaberin des Elektrischen Heil- und Lichtbad-Instituts «Hygienia» an der Hammerstrasse 100 wohl Kuren und Kräutermischungen zur Abhilfe empfohlen. Den Begriff Stress für Druck, Belastung, Anspannung verwendete erstmals der US-amerikanische Physiologe und Psychologe Walter Cannon 1914 im Zusammenhang mit Alarmsituationen im ersten Weltkrieg. Basierend auf dessen Arbeiten benannte der in Kanada lebende Biochemiker und Hormonforscher Hans Selye 20 Jahre später Stress als eine «unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung». Er wurde Mitte 20. Jahrhundert federführend in der Stressforschung.

Die Abbildung im Briefkopf zeigt einen Mann im Vierzellenbad. Eine Elektrode in jedem Behälter für Arme und Beine sollte die Durchblutung fördern. (StABS: San-Akten M1, Heilbäder, Mineralquellen)

Elektrotherapie

Seit langem wurde in der praktischen Heilkunde mit Elektrizität experimentiert. Elektrotherapeutische Verfahren kamen zur Verbesserung der Durchblutung, zur Linderung von Schmerzen oder zur Reizung von Muskeln bei Lähmungen, Krämpfen und nervösen Störungen zum Einsatz. Um 1900 entstanden überall Bad-, Licht- und Wasserheilanstalten, die mit elektrischen Geräten ausgestattet waren. An der Missionsstrasse führten etwa die Gebrüder Weber ein Institut für physikalische Therapie. Und in der Nähe der Claramatte betrieb die Witwe Verena Kunz-Bernhard von 1908 bis 1919 ihr elektrisches Heil- und Lichtbad. Ihr Gesuch hatte der Stadtarzt Theophil Lotz bewilligt. Gemäss Geschäftskarte bot sie Spezialbehandlungen bei «Frauenkrankheiten ohne Operation, Herz- und Nervenleiden, Gicht, Rheumatismus, Ischias etc.» an. In ihrem Angebot gab es «Bogenlichtbestrahlungen, Franklindouchen (Faradisationen, Galvanisationen), elektrische Licht- und Vierzellenbäder» und weiteres mehr. Fotos ihres Instituts gibt es keine. 

Geldbussen

Private Heilbäder durften nur geführt werden, wenn ein Arzt die medizinische Verantwortung übernahm. Witwe Kunz stellte den Homöopathen Dr. Erasmus Betschart an, der auf Nervenleiden und innere Krankheiten spezialisiert war. 

Mit Ausbruch des ersten Weltkriegs und der Schliessung der Landesgrenzen 1914 verlor  Witwe Kunz viele Patient:innen, die aus dem Elsass und dem Badischen zu ihr kamen. Weil sie sein Honorar nicht mehr bezahlen konnte, musste sie nun ihren Arzt entlassen. Trotzdem betreute sie weiterhin Kranke und geriet deswegen ins Visier der Behörden.

Sie wurde verzeigt und erhielt 1915 die erste Geldbusse wegen «Vornahme ärztlicher Handlungen und Verordnung von Medikamenten». Sie bezahlte die Busse und praktizierte weiter. Sie war auf diese Einkünfte angewiesen. Zwischendurch stellte sie einen Bademeister an, aber das war kein Mediziner. 

Die Geschäftskarte von Frau Witwe Verena Kunz-Bernhard. (zVg)

Wer war Witwe Kunz?

Verena Bernhard wurde am 29. Dezember 1848 in Bremgarten bei Bern geboren. Ihre Eltern führten eine Bäckerei. Sie hatte mindestens zwei Schwestern, eine wurde Schneiderin und die andere Modistin in Bern. Ob Verena eine Ausbildung gemacht hatte, konnte ich nicht herausfinden. 1882 heiratete sie in Basel den Malermeister Rudolf Kunz und wohnte am Kohlenberg 15. Er war geschieden und hatte mit der ersten Frau Emilie Roth einen Sohn Rudolf und eine erste Tochter Emilie, die als Kleinkind starb, und eine zweite Tochter Emilie Dorothea. Bereits im ersten Ehejahr geriet Rudolf in Konkurs und war bis zu seinem Tod 1893 «fallit», also zahlungsunfähig. Wie viele Leute aus der Unterschicht zog auch das Ehepaar Kunz-Bernhard häufig um – immer auf der Suche nach einem günstigeren Logis oder einer Arbeitsstelle. Anfang 1885 gingen beide nach Frankfurt, wo er 1893 starb. Wo Verena bis zu ihrer Rückkehr nach Basel 1907 lebte, ist nicht belegt. In einem Verteidigungsbrief an die Behörden behauptete sie, dass sie 1886 und 1887 im «berühmten Sanatorium von Sanitätsrat Dr. Mund in San Francisco in Kalifornien Elektrotherapie, Krankenpflege im Naturheilverfahren und Pflanzenheilverfahren gelernt» und auch ein Zertifikat erhalten habe. Dieses liess sich im Staatsarchiv nicht finden. Dem Auszug des Zivilstandsregisters zufolge ging sie im September 1887 nach Hamburg. Es ist also vorstellbar, dass sie aus Amerika mit dem Schiff 1887 nach Hamburg zurückkehrte.

Zurück in Basel war sie fast 60 Jahre alt, verwitwet und kinderlos. Sie musste ihren Lebensunterhalt verdienen und eröffnete 1908 das elektrische Heil- und Lichtbad «Hygienia».  

Elektrische Apparate aus einem Prospekt für Physikalische Therapie. (StABS: San-Akten M1, Heilbäder, Mineralquellen)

Schliessung angedroht

Das dritte Kriegsjahr 1917 wurde für Witwe Kunz noch prekärer. Sie verlor die Kassenpatient:innen. Die Öffentliche Krankenkasse (ÖKK) von Basel teilte ihr mit, dass sie ihre Behandlungen nicht mehr übernehme. Das war ein schwerer Schlag. Sie reichte beim Sanitätsdepartement Beschwerde ein. Hans Hunziker, Lotz’ Nachfolger als Stadtarzt, musste der Regierung über das elektrische Heilbad berichten. Als Vertreter der naturwissenschaftlich orientierten Medizin führte er einen heftigen Kampf gegen Heilpersonen, die nicht akademisch geschult waren. Witwe Kunz würde Prozeduren empfehlen, die nur von einem Arzt ausgeführt werden dürften, etwa die Anwendung der Elektrolyse zur Behandlung von Muttermälern, Hautwarzen, Hornhauttrübungen und einiges mehr. Mit diesem Urteil wurde die Beschwerde von Frau Kunz abgelehnt. 

Gegen die dritte Verzeigung – wiederum wegen Vornahme ärztlicher Handlungen und Verkauf von medizinischen Spezialitäten ohne Bewilligung – wehrte sie sich mit einem linken Anwalt, der mittellose Leute verteidigte. Er verlangte einen Freispruch, allenfalls eine Reduktion der Busse. Doch der Stadtarzt argumentierte, dass er ihr mehrmals mitgeteilt habe, dass sie ohne Arzt nicht behandeln dürfe, doch sie würde fortfahren und habe Kranke geschädigt. Nach der vierten Verzeigung 1919, mit der ihr die Schliessung angedroht wurde, hörte sie schliesslich auf, zog weg und starb 1922 74jährig in einem Berner Spital. 

Dilemma

Witwe Kunz muss eine starke, eigensinnige Persönlichkeit gewesen sein, die einerseits vielen Kranken helfen konnte – sonst hätte ihr elektrisches Heil- und Lichtbad-Institut nicht mehr als zehn Jahre bestehen können. Andererseits überschätzte sie vermutlich in einzelnen Fällen ihr Wissen und Können. Überdies schauten die Behörden bei ihr als älterer, verwitweter Frau aus der Unterschicht genau hin. Denn das seit 1910 neu strukturierte Gesundheitsamt war zuständig, dass die Bevölkerung gesundheitlich nicht zu Schaden kam.

Sabine Braunschweig

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